Die Novemberpogrome in Mariahilf
“An ihren Taten, nicht an ihren Worten sollt ihr sie erkennen”.
In den Novemberpogromen 1938, von den NationalsozialistInnen auch zynisch „Reichskristallnacht“ genannt, wurden alleine in Österreich in der Nacht vom 9. auf den 10. November, 30 Juden / Jüdinnen getötet, 7.800 verhaftet und aus Wien rund 4.000 ins Konzentrationslager Dachau deportiert.
Das offizielle Österreich gedenkt. – Es gibt eine Reihe von engagierten Projekten, die an die Opfer erinnern und es den Nachgeborenen ermöglichen, die historische Wahrheit über den Nationalsozialismus zu erfahren. Wirklich angekommen scheint das Thema an der Basis, und nicht nur dort, allerdings teilweise immer noch nicht.
Wie wäre es sonst möglich, daß es zwar eine Rekonstruktion der Synagoge Schmalzhofgasse (6. Bezirk) im Netz zu sehen gibt, vor Ort aber der Bereich unmittelbar neben der Gedenktafel mit Schmierereien verunstaltet ist?
Rekonstruktion der Synagoge Schmalzhofgasse in Wien Mariahilf: „Die virtuelle Synagoge“
Wie wäre es sonst möglich, daß die Initiative „Erinnern für die Zukunft“ in Mariahilf erst 23 PatInnen für die Gedenksteine finden konnte (Stand 10. November 2008, Quelle: „Erinnern für die Zukunft – Patenschaften“? Die Liste liest sich übrigens wie ein „Who is Who“ der Politik. Gut, wenn PolitikerInnen gedenken. Besser, wenn darüber hinaus die Menschen im Bezirk erfolgreich dazu angeregt werden, sich mit geschichtlichen Ereignissen auseinanderzusetzen.
„Gut gemeint ist nicht (automatisch) gut getan.“ Oder im konkreten Fall: nicht gut kommuniziert. Das Thema scheint an vielen BewohnerInnen des 6. Bezirks bisher vorbeigegangen zu sein. Ein weiterer Grund mag darin liegen, daß ein Gedenkobjekt (Messingplättchen, 10 x 10 cm, für jede einzelne ermordete Person, die die Inschrift „Hier wohnte“ und Name und Lebensdaten trägt) mit 150.- Euro für eine/n Durchnittsverdiener/in vielleicht einfach zu teuer ist.
Warum ist es nicht möglich, die finanzielle Unterstützung des Projektes zu staffeln, wie dies zum Beispiel bei „Steine der Erinnerung“ angeboten wird? Hier können Menschen schon um 18 Euro einen „Baustein“ für den Weg der Erinnerung erwerben – breitenwirksame Lösungen sind also durchaus möglich …
Georg Schober
Weiterführende Links:
Erinnern an die Zukunft – Mariahilf
Liste der Opfer aus Mariahilf: 724 Jüdinnen und Juden und acht behinderten Kindern wurden ermordet.
Im November und Anfang Dezember gibt es im Rahmen von „Erinnern an die Zukunft“ noch einige Veranstaltungen in Mariahilf.
Das Jüdische Filmfestival in Wien: 13.-17. November im Metro Kino und Votiv Kino u.a. mit Israel / Palästina Schwerpunkt.
Liste jüdischer Andachtstätten in Wien
Weitere Infos zu den Pogromen im November 1938 finden Sie im Literaturblog „Duftender Doppelpunkt“ – Infos aus Literatur und Wissenschaft auf der Seite Novemberpogrome.
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am 11. März 2009 um 11:18 Uhr.
[…] Gedenkens an die Shoah auf der Site „Stimmen für die Stille“ in dem Beitrag „Die Novemberpogrome in Mariahilf. An ihren Taten, nicht an ihren Worten sollt ihr sie […]
am 11. März 2009 um 14:22 Uhr.
[…] bezüglich der Form des öffentlichen Gedenkens an die Shoah in dem Beitrag „Die Novemberpogrome in Mariahilf. An ihren Taten, nicht an ihren Worten sollt ihr sie […]
am 27. November 2009 um 19:50 Uhr.
Sehr geehrte Frau Öllinger,
sehr geehrter Herr Schober!
Sie haben völlig recht. Es „prangen“ Schmierereien an vielen Stellen – nicht nur – in Mariahilf. Dieses Problem geht weit über den Anlassfall hinaus. Wobei m. E. keine allgemein gültige für alle Zukunft gesicherte Lösung in Sicht ist, da es sich vermutlich nicht verhindern lassen wird, dass – wer auch immer, mit welcher Intention auch immer – Schmierereien an Gebäuden oder sonstigen Objekten anbringt. Selbst mit einer 100%igen Überwachung der Öffentlichkeit ließe sich das nicht verhindern – vorausgesetzt man hält eine solche überhaupt gesellschaftspolitisch für wünschenswert. D. h., dass die Zuständigen immer den Schmierereien hinten nach seien werden und es hier eine Art „Wettrennen“ gibt, bei dem die Schmierer immer die Nase vorne haben. Nicht verschwiegen werden soll, dass zur Beseitigung der Schmierereien erhebliche Steuer-Mittel eingesetzt werden müss(t)en, die dann für andere Aufgaben der öffentlichen Hand nicht zur Verfügung stehen bzw. stünden. Bekannt ist allerdings, dass es auch in Wien eine Privatinitiative gibt, wo Eine oder Einer, Schmierereien mit explizit rassistischen und/oder sexistischen Inhalt ebenso heimlich übermalt, wie diese angebracht wurden. Das kann man durchaus auch als zivilgesellschaftliches Handeln betrachten, das es nicht nur bei der Kritik an unerwünschten Zuständen belässt.
Alle – auch Ihre – Vorschläge bezüglich der Gedenktafel für die Synagoge in der Schmalzhofgasse, werden bei der nächsten Sitzung der Kulturkommission besprochen werden, die dann mehrheitlich oder auch einstimmig über die Empfehlung zur Realisierung entscheidet. Darüber hinaus wird auch ein Antrag eingebracht, zur Anbringung einer neuen Erinnerungstafel für das jüdische Bethaus in der Stumpergasse.
Ich finde es sehr positiv, dass Sie sich zum jetzigen Zeitpunkt so intensiv mit dem Projekt „Erinnern für die Zukunft“ auseinandersetzen. Wobei zu bemerken ist: Dieses soll mit heurigem Jahr praktisch abgeschlossen werden, da es ja bereits 2007 anlässlich des 70. Jahrestages – 2008 – der Machtübernahme der Nazis in Österreich bzw. der Reichspogromnacht gestartet wurde.
Die „Steine der Erinnerung“ von Dr. Elisabeth Ben David-Hindler – mit der wir uns auch intensiv beraten haben – sind ein sehr richtungweisendes Projekt. Dort betragen die Kosten einer Patenschaft 120,- Euro. Eine „Staffelung“ für die Patenschaft ist dort eigentlich auch nicht vorgesehen. Es gibt dort die Möglichkeit sog. „Bausteine“ zu erwerben (ab 18,- Euro aufwärts) oder auch in beliebiger Höhe zu spenden. Es dürfte Ihrer geschätzten Aufmerksamkeit entgangen sein, dass das auch eine Option bei unserem Projekt ist (außer den Bausteinen). Die Möglichkeit in beliebiger Höhe zu spenden, haben bei unserem Projekt auch etliche Menschen in Anspruch genommen. Sie steht auch Ihnen frei und wir freuen uns einen diesbezüglichen Eingang auf unserem Konto (Nr. 323 7807, BLZ: 32000 – Raiffeisenlandesbank NÖ-Wien, lautend auf Mariahilfer Kulturplattform – „Erinnern für die Zukunft“) verbuchen zu dürfen.
Die Höhe von 150,- Euro für eine Patenschaft wurde von der Projektkoordinatorin von „Erinnern für die Zukunft“ vorgeschlagen. Ihre Begründung dafür war, dass damit ja nicht nur die Tafeln, ihre Befestigung in den Gehsteigen bzw. an Hausfassaden, sondern auch die kulturellen Begleitprogramme, mit finanziert werden sollen. Menschen, die sich nicht diesen Betrag leisten können, wurde – wie erwähnt – die Möglichkeit angeboten, in beliebiger Höhe zu spenden. Auch die Möglichkeit eines Sponsorings über die Höhe der Patenschaft hinaus ist möglich und ist auch in Anspruch genommen worden. Dieser Preisvorschlag ist dem ExpertInnen-Beirat von „Erinnern für die Zukunft“ vorgelegt, von diesem eingehend erörtert und dann einhellig gut geheißen bzw. empfohlen worden. (Dem ExpertInnen-Beirat gehör[t]en die VertreterInnen der Opfergruppen des Nationalsozialismus an.) Die Kulturkommission der Bezirksvertretung hat sich einstimmig dieser Empfehlung angeschlossen ebenso die Bezirksvertretung. Auch wir sähen es gerne, wenn mehr als „nur“ 25 Menschen Patenschaften übernehmen. Es ist jede und jeder herzlich willkommen – auch Ihre Patenschaft. Dann wären es schon 26 oder 27. Ich lade Sie auch herzlich dazu ein, wenn Ihnen das ein ernsthaftes Anliegen ist, für die Patenschaften in ihrem Bekannten-, Verwandtschafts- und/oder Freundeskreis Werbung zu machen, um die Anzahl der PatInnen zu steigern. Ich meinerseits habe dies jedenfalls getan und darüber hinaus wurde ich auch nicht müde, alle nur erdenklichen Finanzquellen für das Projekt zu erschließen, ohne die das Projekt, das als einziges in ganz Österreich zum Ziel hat namentlich ALLER OPFER des Nationalsozialismus in einem bestimmten Territorium (hier Mariahilf) zu gedenken. Kein anderer Bezirk und auch keine andere Stadt, oder Dorf in Österreich hat das bisher noch getan. Ich glaube nicht zu übertreiben, dass wir in Mariahif stolz darauf sein dürfen. Und ich hoffe, dass andere unserem Beispiel folgen und auch Sie uns bei diesem Bestreben aktiv unterstützen werden.
Wie erwähnt, hat das Projekt „Erinnern für die Zukunft“ im Jahr 2008 seinen Höhepunkt gefunden, auch was die Veranstaltungen betrifft. Einen guten Überblick über das Projekt insgesamt und auch über die Begleitveranstaltungen bietet auf 288 Seiten die Publikation „Erinnern für die Zukunft“ (ISBN: 978-3-902672-18-6), die vorige Woche im Echomedia-Verlag Wien erschienen und in der Buchhandlung Thalia der Öffentlichkeit vorgestellt worden ist. Es sind noch nicht alle Gedenkobjekte verlegt. Den aktuellen Stand resp. die noch ausständigen Verlegungen hat die Projektkoordinatorin Frau Mag.a Ulli Fuchs. Ich ersuche Sie, diesbezüglich mit ihr Kontakt aufzunehmen (ulli.fuchs@tele2.at). Sie wird Ihnen gerne detaillierte Auskunft darüber geben. Auch wir haben festgestllt, dass einige der verlegten Gedenkobjekte leider schwer lesbar sind. Wir haben deshalb mit den Erzeugern – das ist die Metallwerkstätte von „Jugend am Werk“ (in der benachteiligte Jugendliche arbeiten, die sonst vom Arbeitsmarkt ausgeschlossen wären) – Kontakt aufgenommen, damit dieser von uns reklamierte Mangel behoben wird. Geklärt muss auch werden, ob es sich hier um einen Mangel bei der Produktion handelt, oder einer der ev. durch unsachgemäße Verlegung – durch die einzige dazu im Bezirk befugte Baufirma – Zustande gekommen ist. Diese Klärung ist sehr komplex, recht zeitraubend und daher bedauerlicher Weise noch offen.
Die Gedenkobjekte werden von der Kulturabteilung der Stadt in denkmalpflegerische Obhut übernommen. D. h. sie werden gepflegt und gereinigt. Diese Reinigung erfolgt 2 Mal jährlich und wird im Zuge der Leistung gemeinnütziger Arbeiten vom Verein „Neustart“ – der auch im Bezirk ansässig ist – durchgeführt. Die nächste Reinigung erfolgt im Frühjahr 2010. Die von Ihnen monierten „unschönen färbigen Markierungslinien“ sind tatsächlich unschön. Sie dien(t)en der Markierung, wo die Betonblöcke mit den Objekten genau hin verlegt werden soll(t)en. Ob diese zu entfernen sind, entzieht sich meiner Kenntnis, da ich von meiner Ausbildung her weder Bautechniker, Chemiker o. ä. sondern Sozialwissenschafter bin. Aber vielleicht können Sie in Erfahrung bringen, wie solche Markierungen mit einem vertretbaren Aufwand entfernt werden könnten? Falls Ihnen das möglich ist, bitte teilen Sie es mir umgehend mit.
Ähnlich wie Antonio Gramsci bin ich übrigens der Meinung, dass Zivilgesellschaft und Politik in einer Demokratie nicht zwei von einander zu trennende Sphären sind. Der Begriff Zivilgesellschaft hat in der heutigen wissenschaftlichen und öffentlichen Diskussion im Wesentlichen zwei Bedeutungen: Zum einen bezeichnet er einen Bereich innerhalb einer Gesellschaft, der zwischen staatlicher, wirtschaftlicher und privater Sphäre entstanden ist – oder auch: zwischen Staat, Markt und Familie. Der Bereich wird als öffentlicher Raum gesehen. Zum anderen wird mit „Zivilgesellschaft“ eine Entwicklungsrichtung von Gesellschaften bezeichnet, die mit Zivilisierung und Demokratisierung umschrieben werden kann. In diesem Diskussionsstrang wird oft der Begriff Bürgergesellschaft (korrekt müsste es „BürgerInnengesellschaft“ heißen) gleichbedeutend verwendet. Dabei verschwimmen häufig die Grenzen zwischen einer Beschreibung und Erklärung dieses Trends einerseits und der Forderung nach seiner Unterstützung andererseits, d. h. „Zivilgesellschaft“ wird zur politischen Forderung im Sinne von „mehr Demokratie“. Der Begriff „Bürgerschaftliches Engagement“ bezieht sich in diesem Zusammenhang auf zwei Aktivitäten, die mit diesen beiden Bedeutungen von Zivilgesellschaft angesprochen sind: Zum einen das gemeinsame Engagement von Bürgerinnen und Bürgern zur Lösung kleinerer oder größerer Probleme, die weder von Staat noch Markt noch Familie ausreichend lösbar sind („mit anpacken“), und zum anderen die politische Einflussnahme von Bürgern auf Staat und Markt („mitbestimmen“) – siehe auch http://de.wikipedia.org/wiki/Zivilgesellschaft . D. h. hier geht es nicht um das Verharren in der Kritik an bestimmten Zu- oder Umständen, sondern darum, durch eigenes Zutun auch etwas zu ändern. Wenig hilfreich ist – um wieder auf die Gedenktafel in der Schmalzhofgasse zurückzukommen – Fotos von dieser Tafel anzufertigen und sie zu veröffentlichen, OHNE auch das geringste konstruktiv zur raschen und zielführenden Beseitigung dieses Missstandes beizutragen, nicht einmal einen Vorschlag; so wie wir es in einer der letzten Ausgaben einer Bezirkszeitung sehen konnten. Dort hat der Obmann der Mariahilfer ÖVP diese Vorgangsweise gewählt und bis heute noch keinen konkreten Verbesserungsvorschlag, geschweige denn Aktivitäten im Sinne des „mit anpacken“ der „Bürgergesellschaft“ (Andreas Khol, ÖVP) geleistet. Damit wird unserer gemeinsamen Sache leider nicht wirklich gedient.
Ich gehe davon aus, dass Ihnen beide Aspekte des zivilgeselschaftlichen Engagements wichtig sind: Das Mitbestimmen haben Sie ja mit Ihren Diskussionsbeiträgen durchaus entriert. Zum zweiten lade ich Sie im Sinne der „BürgerInnengesellschaft“ auch ein „mit anzupacken“ und dieses nicht nur anderen zu überlassen.
Glücklicherweise haben sich die Erinnerungsprojekte der österreichischen Zivilgesellschaft – die mitbestimmen und mit anpacken – in jüngerer Vergangenheit entschlossen, nicht mehr nebeneinander oder gar gegeneinander zu arbeiten, sondern sich wechselweise vernetzen. Ich habe das von Anfang an aktiv unterstütz und initiiert, dass diese Vernetzungstreffen in „unserem“ Bezirksmuseum stattfinden können. Ich darf die Einladung an Sie aussprechen, zum nächsten Treffen der österreichischen Erinnerungsprojekte, am 2. Dezember 2009, 18.30-20.30 Uhr im Bezirksmuseum Mariahilf (Mollardgasse 8, 1060 Wien). Dort bietet sich die Gelegenheit zum Meinungsaustausch mit anderen einschlägig engagierten Menschen aus ganz Österreich. Das ist sicher ein wesentlicher Beitrag zur Diskussionskultur, der auch andere Menschen zur Ideenfindung anregen kann. Denn ich glaube auch, dass gerade wenn es um Fragen im Wohnumfeld geht, persönliche Gespräche à la longue Zielführender, kommunikativer, Gegenstands angemessener und auch weniger zeitraubend sind, als ausschließlich lange E-Mails und/oder Internet-Blog-Einträge. Ich glaube mit Ihnen eins zu sein, dass wir nicht PhilosophInnen sein wollen, die die Welt nur (verschieden?) interpretieren, wir wollen sie ja auch verändern.
Mit kollegialem Gruß
Kilian Franer
PS: Gerne können Sie dieses Schreiben ungekürzt im Internet veröffentlichen.
PPS: Da meine Stellungnahme nicht von Ihnen im Internet veröffentlicht worden ist, tue ich das hiermit selbst.
am 27. November 2009 um 21:39 Uhr.
Sehr geehrter Herr Franer!
Selbstverständlich veröffentlichen wir Ihr Schreiben wie ausgemacht auf der Site „Mariahilfer Synagoge“. Allerdings wollen wir Ihren Beitrag bzw. unseren Schriftverkehr wegen der besseren Lesbarkeit optisch aufbereiten, wozu wir Sie noch bis zum Wochenende um Geduld bitten.
Mit freundlichen Grüßen
Petra Öllinger und Georg Schober
am 30. November 2009 um 01:04 Uhr.
[…] hat Georg Schober schon vor einiger Zeit in einem Schreiben an Frau Kaufmann und im Beitrag „Die Novemberpogrome in Mariahilf“ […]